Jacob Carl triumphiert

Freitagmorgen in der Staatlichen Realschule Neustadt, kurz vor der zweiten Pause. Gespannt richten sich acht Augenpaare auf den Realschuldirektor, Ronald Bänisch, der das Urteil verkündet. Jeder Teilnehmer ist sich bewusst, dass er eine gute Leistung abgeliefert hat. Doch genügt das für den ersten Platz? Genügt es für den Titel „Vorlesekönig 2016“?

Ein 60. Geburtstag ist auch für eine Schule ein geeigneter Anlass für einen Rückblick, eine Bestandsaufnahme und einen Ausblick auf die nächsten Jahre.

Gründung der Mittelschule – später in Realschule umbenannt

Bereits 1949 gliederte die Stadt Neustadt unter Oberbürgermeister Dr. Weppler vorausschauend der damaligen - so genannten - Städtischen Realschule eine Knabenmittelschule an. Die Städtische Realschule war die Vorläuferin des heutigen Arnoldgymnasiums. 1953 begannen die Verhandlungen der Stadt mit dem Bayerischen Kultusministerium um die Selbstständigkeit und Verstaatlichung der angegliederten Mittelschule. Nach Beschluss des Neustadter Stadtrats am 11. Juli 1957, eine staatliche Mittelschule zu errichten und die Sachkosten dafür zu übernehmen, ermöglichte das Kultusministerium mit Schreiben vom 29. August 1957 dieses Vorhaben: „… Mit Wirkung vom 1. September 1957 wird in Neustadt bei Coburg eine dreistufige Mittelschule für Knaben und Mädchen errichtet. …“

So begann für 47 Schülerinnen und Schüler und 3 Lehrer (einschließlich des Schulleiters) am 2. September 1957 nach einer Aufnahmeprüfung der Unterricht. Die nächsten Jahrzehnte waren durch einen ständigen Wandel gekennzeichnet. Dabei waren die Einführung von gemischten Klassen mit Knaben und Mädchen, die in den gleichen Fächern unterrichtet wurden, sowie die neuen Namen Realschule und Gymnasium für die Schultypen im Nachhinein die kleinsten Veränderungen.

Die neue Realschule wurde von Anfang an von Bevölkerung und Wirtschaft gut angenommen. Deshalb stiegen die Schülerzahlen ständig. Der Aufwärtstrend erhielt nicht zuletzt durch den Wandel von der Dreistufigkeit zur Sechsstufigkeit der Schule neuen Anstoß. Damit verbunden waren stets Platzprobleme, denn der Bedarf an Schulräumen erhöhte sich ständig.

Vor 50 Jahren begann der Unterricht in zwei Schichten in einem Raum des evangelischen Gemeindehauses, und während des ersten Schuljahres wurde zusätzlich in einer leeren Speisehalle der Stadt unterrichtet. Im folgenden Jahr waren vier Klassen auf vier Gebäude verteilt. Mit Einführung der vierstufigen Mittelschule 1960/61 wurde das Gebäude der Glockenbergschule und im Schuljahr 1970/71 dann das damalige Gebäude der aufgelösten Städtischen Berufsschule bezogen.

Erziehung und Ausbildung der Kinder sind für Staat und Wirtschaft eine unverzichtbare Investition in die Zukunft. Wandel und Fortschritt sind dabei immer mit hohen Kosten für die Sachaufwandsträger verbunden. Dafür gebührt an dieser Stelle allen verantwortlichen Oberbürgermeistern und Stadträten der Stadt Neustadt sowie allen Landräten, Kreisräten und Mitarbeitern des Landratsamtes von damals bis heute ein besonderer Dank für ihr Engagement und ihren Weitblick.

Zum ersten Mal wurden im Jahr 1958/59 von der Stadt Neustadt Haushaltsmittel für Lehr- und Lernmittel für die neue Schule zur Verfügung gestellt. Viele Geldmittel flossen in den Folgejahren von der Stadt in die Mittelschule. Ab 1. Januar 1973 übernahm der Landkreis die Sachaufwandsträgerschaft und war ebenso schulfreundlich wie vorher die Stadt. Ständige, wichtige Veränderungen im Lehrplan und damit verbunden die Anschaffung neuer Lehrbücher und die Ausstattung für Schreibmaschinen- und später Computerräume und andere Fachräume verursachten und verursachen - neben vielen oft nicht auffälligen Anschaffungen - enorme Kosten.

Die Realschule wächst – Erweiterungsbau und Anbau

Im Jahr 1975 begannen die Arbeiten für den Erweiterungsbau mit - für die damalige Zeit - großzügiger Ausstattung. Vom Landkreis wurden dafür 7,7 Millionen DM bereitgestellt. Am 20. Januar 1978 wurde dieser Erweiterungsbau eingeweiht.

25 Jahre später musste wieder angebaut werden. Auch an der Staatlichen Realschule Neustadt begann die Sechsstufigkeit. Die ersten vier fünften Klassen bezogen im September 2003 den Neubau, der für 24 Klassen und 670 Schülerinnen und Schüler ausgelegt wurde und am 28. April 2005 eingeweiht wurde. Zur 50-Jahr-Feier wurden 858 Schüler in 29 Klassen unterrichtet.

Es wurde in den nächsten Jahren kräftig vom Landratsamt investiert. Der Erweiterungsbau wurde im Schuljahr 2007/2008 saniert und für Realschule und Gymnasium wurde 2011/2012 eine neue Zweifachturnhalle gebaut.

In den Schuljahren 2008/2009 bis 2010/2011hatte die Realschule mit über 900 Schülerinnen und Schülern die höchsten Schülerzahlen; da gleichzeitig die Lehrerzuweisung des Kultusministeriums großzügig war, stieg bei annähernd gleicher Schülerzahl die Anzahl der Klassen auf 36. Deshalb wurden vier Container und zeitweise der Biologiesaal als Klassenzimmer benötigt.

Noch einmal investierte der Landkreis kräftig und baute in Kooperation mit der Jugendwerkstatt als Anbieter von gesundem Essen eine Mensa für Realschule und Gymnasium. Als die Jugendwerkstatt die Zusammenarbeit beendete, wurde das Unternehmen „eat & more“ als Mensabetreiber gewonnen.

Profil der Staatlichen Realschule Neustadt

Auf Initiative der Fachschaft Musik wurden 2010/2011 Chorklassen eingerichtet. Neben dem Musizieren steht dabei auch die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls im Mittelpunkt, das sich bei Proben und Aufführungen zu den verschiedensten Aufführungen in der Schule oder auch bei außerschulischen Veranstaltungen wie Musikfesten entwickelt.

Ein Jahr später wurden unter Leitung der Fachschaft Sport Sportklassen bzw. Sportprojekte eingeführt. Neben der sportlichen Bewegung stehen auch Projekte und Schnuppern in verschiedenen Sportarten (wie Bogenschießen, Basketball, usw.) im Vordergrund. In diesem Sinne wurde im Schuljahr 2016/2017 in Verbindung mit dem HSC Coburg und dem BBC Coburg eine Sportklasse eingerichtet

Ab dem Schuljahr 2011/2012 wird an der Staatlichen Realschule Neustadt eine Ganztagesbetreuung für jährlich vier Gruppen der offenen Ganztagesschule angeboten. Die engagierten Sozialpädagoginnen Frau Mähler und Frau Treidler organisieren gemeinsam mit Mentoren zehn Kleingruppen, außerdem das Projekt "Lernen lernen".

Seit September 2015 wird an der Schule bilingualer Unterricht in Englisch und Erdkunde angeboten. Dabei wird ein Sachfach (Erdkunde) in einer Fremdsprache unterrichtet. Der Erwerb von Fachwissen wird mit dem Anwenden der Fremdsprache (Englisch) verbunden, wodurch die Fertigkeiten und Kenntnisse in der Fremdsprache nachhaltig verankert werden.

Pädagogischer Auftrag

Wurden 1957 gerade einmal 47 strebsame, disziplinierte und motivierte Schülerinnen und Schüler eingeschult, zeigte sich im Laufe der Jahrzehnte eine merkliche Veränderung im Leistungs- und Motivationsbereich. Auch die Erziehung im Elternhaus und das Verhalten der Kinder sind einem starken Wandel unterworfen. Durch den Fernsehkonsum, die besonders in den letzten Jahren verstärkte Computer- und Handynutzung und das veränderte Freizeitangebot wandelte sich auch das Schülerverhalten.

Dies erforderte im Laufe der Jahrzehnte ständig neue Überlegungen zur Unterrichtsgestaltung und zur Erziehung. Aufgrund der vielen Reize im Alltag unserer Schüler muss versucht werden, den Unterricht abwechslungsreicher, projektorientierter und auch interaktiver zu gestalten. Handlungsorientierter Unterricht, Freiarbeit und Lernzirkel stellen immer neue Unterrichtsformen dar, um den Anforderungen einer veränderten Gesellschaft im 21. Jahrhunderts gerecht zu werden.

Die Ausbildung von Schlüsselqualifikationen bildet einen Schwerpunkt des Schullebens mit der Vorbereitung auf den Beruf. So wird mit der Einführung einer neuen Wahlpflichtfächergruppe mit Französisch als Profilfach der Fremdsprachenunterricht stärker gefördert. Sprechfertigkeitsprüfungen und sich ständig verändernde Prüfungsanforderungen sind weitere Beispiele für den Wandel. Der Umgang mit den Medien und Projektpräsentationen werden vorangetrieben. In keinem Fach ist der Computereinsatz mehr wegzudenken.

Die fortlaufende Weiterentwicklung im Bereich Schule führt zu ständigen Veränderungen der Lehrpläne und Unterrichtsmethoden. Alle Fächer und Lehrkräfte sind davon betroffen. Kontinuierliches Weiterlernen wird von den Schülern in ihrem späteren Leben gefordert und wird von den Lehrern seit Jahrzehnten praktiziert. In manchen Bereichen waren die Neuerungen so groß, dass sich Schulfächer völlig veränderten. Das Fach „Maschinenschreiben“ wurde zu „Textverarbeitung am Computer“ und ist heute nur noch ein Teilbereich des neuen Faches „Informationstechnologie“, die Fächer „Kurzschrift“ und „Textilarbeit“ existieren nicht mehr.

Die Staatliche Realschule Neustadt konnte sich immer auf die engagierten Lehrkräfte verlassen, die neben der Wissensvermittlung und der Vorbereitung auf den späteren Beruf die jungen Menschen auf das Leben vorbereiteten und ihre Entwicklung positiv beeinflussten sowie zusätzlich eine Vielzahl von Aktivitäten im sozialen, musischen und sportlichen Bereich ermöglichten. Zusammen mit den zukunftsorientierten und tatkräftigen Mitgliedern aller bisherigen Schulleitungen haben sie die Realschule mit zu der Schule gemacht, wie wir sie auch heute noch erleben können: eine Schule, die Tausende von Schülerinnen und Schülern zu lebenstüchtigen und aufrichtigen Menschen formte, die sich an „ihre Realschule“ und „ihre Lehrer“ gerne zurückerinnern, eine Schule, die in der Wirtschaft und in der Verwaltung aufgrund ihrer guten Ausbildung und guten Vorbereitung auf das Berufsleben geschätzt wurde und wird.

Einen bedeutenden Beitrag zum Bestehen und zur Weiterentwicklung der Realschule Neustadt leisteten nicht zuletzt alle bisherigen Mitglieder des Fördervereins und der Elternbeiräte. Ihnen gebührt ein herzlicher Dank im Namen vergangener und jetziger Mitglieder der großen Schulfamilie für die stets konstruktive Zusammenarbeit und auch für die Bereitstellung von Mitteln für Anschaffungen, die der Sachaufwandsträger nicht übernehmen konnte.

Die gesellschaftlich bedingten Veränderungen, die auch Auswirkungen auf das Zusammenleben in der Schulgemeinschaft zeigen, erfordern neue Maßnahmen im Schulalltag. Gegenseitiger Respekt und Achtung sowie Verständnis füreinander und die Bereitschaft, Konflikte konstruktiv zu lösen, sind Grundvoraussetzungen für ein positives Lern- und Schulklima. Engagierte Tutoren und Streitschlichter, die sich in die Schulgemeinschaft einbringen, helfen heute selbstverantwortlich gemeinsam mit Lehrkräften und Schulleitung, die Integration aller Schüler in die Gemeinschaft zu unterstützen und Konflikte zu lösen. Und nur wenn Erziehungsberechtigte, Lehrkräfte und Schüler gemeinsam und konstruktiv an einem Strang ziehen, können die für die Gesellschaft wichtigen sozialen Kompetenzen gebildet und vertieft werden.

Im Jahr 2017 zeichnen sich bereits weitere Neuerungen ab. In den nächsten Jahren wird zur Qualitätssicherung an den Schulen ein neuer Lehrplan eingeführt, der die Digitalisierung und die neuen Anforderungen der Wirtschaft sowie der Gesellschaft berücksichtigt.

Die Staatliche Realschule Neustadt erweist sich seit nunmehr 60 Jahren als ein Erfolgsmodell, das von Eltern, Schülern und der Wirtschaft hervorragend angenommen und mitgetragen wird und im Bildungssystem Bayern eine wichtige Stütze darstellt. Allen Beteiligten, die an dieser Entwicklung mitwirkten, gebührt aufrichtiger und herzlicher Dank.

Neustadt, im April 2017
Ronald Bänisch, Schulleiter

 

 

 

Die Anspannung der Spielerinnen und Spieler vor dem Weihnachtsturnier war auch in diesem Jahr gewaltig. Manche Schüler konnten in der Nacht vor den großen Spielen vor Aufregung kaum schlafen!